Was wirkt aus der Tiefe der Seele? - Eine Einführung in tiefenpsychologisches Denken*

Tewes Wischmann

Zunächst eine Begriffsklärung:  Tiefenpsychologie umfaßt alle psychologischen Modelle und psychotherapeutischen Verfahren, die die Wirksamkeit von Prozessen des Unbewußten auf unser Denken und Handeln, Erleben und Verhalten postulieren: „Das Ich ist nicht Herr im eigenen Haus“.
Zu nennen sind hier in erster Linie die Psychoanalyse nach Sigmund Freud (1856-1939), die Analytische Psychologie nach Carl Gustav Jung (1875-1961) und die Individualpsychologie nach Alfred Adler (1870-1937).

Im tiefenpsychologischen Denken wird versucht, das aktuelle Erleben und Verhalten des Menschen, insbesondere aber dessen neurotische Symptome, auf der Basis seiner lebensgeschichtlichen Entwicklung und deren Störungen zu verstehen und ihnen einen Sinn zu geben (hermeneutischer Ansatz). Grundannahme ist dabei, daß die Entwicklung des Menschen zum sozialen Wesen entscheidend bestimmt ist von der Auseinandersetzung mit Konflikten, die definierten (frühkindlichen) psychosozialen Entwicklungsstufen zugeordnet sind. Gelingt eine adäquate Konfliktlösung nicht, fallen die Konflikte der Verdrängung in das Unbewußte anheim und können in späteren Lebensalterstufen dann Ursache neurotischer Symptomatik werden. Ziel tiefenpsychologischer Arbeit ist es, unbewußte Inhalte bewußt zu machen und die in unbewußten Konflikten gebundene psychische Energie (Libido) dem Ich wieder zur freien Verfügung zu stellen.

Am Beispiel der Analytischen Psychologie (nach Carl Gustav Jung) soll hier tiefenpsychologisches Denken erläutert werden. Während in der Psychoanalyse nach Sigmund Freud den sexuellen und aggressiven Impulsen (neben den narzißtischen, also selbstbezogenen Bedürfnissen) die größte Bedeutung beigemessen wird, wird in der Analytischen Psychologie der Libidobegriff weiter gefaßt: hier wird Libido als seelische Energie im allgemeinen Sinne verstanden, die zudem den dynamischen Aspekt der Selbstregulation hat, da sie zur Kompensation drängt. Konkret bedeutet dieses, daß bei einer einseitigen seelischen Entwicklung des Menschen (im Extremfall bei einer neurotischen Entwicklung) die dem Bewußtsein entgegengesetzten (komplementären) seelischen Inhalte des Unbewußten an libidinöser Energie gewinnen und das Ich-Bewußtsein in Form von Traumsymbolen, Gedanken, Phantasien, Bildern oder neurotischen Symptomen konfrontieren und stören. Je einseitiger die bewußte Ausrichtung geworden ist, um so stärker werden die unbewußten „Korrekturversuche“ sein, und um so mehr wird die innerseelische Spannung wachsen. Letztlich führt diese Gegensatzspannung zum Auftreten eines die Gegensätze vereinenden Symbols als Ausdruck des schöpferischen Aspektes des Unbewußten, in dem die Gegensätze transzendiert, also auf eine neue Ebene gehoben werden. In der Analytischen Psychologie werden Träume und Symptome deshalb nicht nur aufgrund der lebensgeschichtlichen Entwicklung verstanden (der ursachenorientierte kausale Aspekt), sondern auch im Hinblick darauf, in welche Richtung die seelische Entwicklung im Sinne einer Selbstheilungstendenz verändert werden sollte (der lösungsorientierte finale Aspekt).

In den Traumsymbolen wie auch in der spezifischen neurotischen Symptomatik ist die Lösung schon angelegt. Dieses ist nicht leicht zu verstehen, ich will es an einem persönlichen Beispiel verdeutlichen. Mein nach dem Abitur begonnenes Physikstudium befriedigte mich immer weniger. Über private Kontakte war ich erstmals mit der Psychologie in Berührung gekommen, von der ich aber nur wenig verstand. Der Interessenkonflikt verschärfte sich: ich merkte, daß ich das Physikstudium nicht fortsetzen wollte, wußte aber nicht, ob ein Psychologiestudium für mich eine realistische Alternative war. Auf dem Höhepunkt dieser Orientierungskrise deutete ein Traum eine Lösung an: „Ich fahre auf einem Fahrrad freihändig eine steile Küstenstraße hinab, rechts das Mittelmeer, vor mir eine scharfe Linkskurve. Auf meinen Unterarmen trage ich ein überdimensional großes und schweres Physiklehrbuch“. Schlagartig war klar: wenn ich jetzt nicht loslasse, kriege ich die Kurve nicht! Am gleichen Tag habe ich mich um einen Studienplatz in Psychologie beworben. Auf einer abstrakteren Ebene legt dieser Traum weiterhin die Deutung nahe, sich weg vom Kopfwissen hin zum Erfahrungswissen zu orientieren. Dieses als Beispiel dafür, wie hilfreich es sein kann, in einer persönlichen Krisensituation auf die Signale des Unbewußten zu hören, auf seine Träume zu achten und dem Unbewußten zeitweise die Führung zu überlassen.

Kehren wir zurück zum Persönlichkeitsmodell der Analytischen Psychologie: Die psychischen Inhalte sind in der Form von Komplexen organisiert, der bewußtseinsnächste Komplex wird als Ich-Komplex bezeichnet. Dem Menschen kommt die Aufgabe zu, im Verlauf seiner seelischen Entwicklung (Individuation) die unbewußten Komplexe zunehmend zu integrieren und so seinen Ich-Komplex fortlaufend zu erweitern, um zu einer vollständigeren Persönlichkeit zu werden.
Als wichtiger unbewußter Komplex ist zunächst die Persona zu nennen, in der die Beziehungsaspekte zwischen dem Ich-Komplex und der Umwelt lokalisiert sind, sozusagen das „soziale Gesicht“. Die negative Bedeutung der Persona kann deutlich gemacht werden am Beispiel der Menschen, die „Wasser predigen und Wein trinken“, die sich also nach außen anders verhalten als in den eigenen vier Wänden.
Ein weiterer Komplex wird als Schatten bezeichnet: er entwickelt sich gleichsam als Spiegelbild des Ichs und beinhaltet die im Ichaufbau vernachlässigten oder abgelehnten Seiten. Damit sind nicht nur moralisch „verwerfliche“ Aspekte gemeint: ein sich selber als nüchtern und phantasielos definierender Mensch wird seine spontanen und kreativen Seiten, die es zu integrieren gilt, im Schatten vorfinden.
Die unbewußten weiblichen Anteile des Mannes werden Anima genannt, die unbewußt männlichen Anteile der Frau Animus. Geprägt werden diese Komplexe in großem Maße durch das Erleben der Mutter bzw. des Vaters. Besonders gut lassen sie sich in Paarbeziehungen beobachten: meistens werden die Inhalte von Anima und Animus auf den gegengeschlechtlichen Partner projiziert. Die Andersartigkeit, die einen zunächst fasziniert und die häufig Grundlage der Verliebtheit ist, kann sich dann bald in den brisanten Zündstoff von Streitigkeiten wandeln. Wenn dieses Jung´sche Modell von den unbewußten Komplexen und von der Komplementarität der Seele, welche nach Ergänzung und Erweiterung drängt, dem Paar innerhalb einer Paarberatung erläutert wird, kann dieses das gegenseitige Verständnis oft fördern und Paarkonflikte entschärfen.

Vereinfacht besagt das Menschenbild der Analytischen Psychologie, daß sich der Mensch im Verlauf der Individuation aus der unbewußten Verstrickung sowohl mit „äußeren“ Einflüssen (wie kollektiven Normen, Werten und Rollenerwartungen) als auch mit „inneren“ Komplexen loslösen muß, um zu mehr Individualität sowie innerer und äußerer Autonomie zu kommen. Letztlich erkennt er dann das Eingebettetsein seiner persönlichen Auseinandersetzung mit den Gegensatzpolen des Lebens im kollektiv-archetypischen Prozeß der Menschwerdung. Eine Psychotherapie kann den Individuationsprozeß fördern und unterstützen.

Jung prägte auch den Begriff des kollektiven Unbewußten, einen Bereich des Unbewußten, der aus überindividuellen, von Archetypen geprägten Inhalten besteht. Archetypen sind a priori vorhandene Muster im kollektiven Unbewußten, welche nach Jung´scher Sicht generationenübergreifend alle Menschen unbewußt prägen. Die Mythen der Menschheit werden als archetypische Inszenierungen aufgefaßt. Während die archetypischen Muster unverändert bleiben und nur über die von ihnen geprägten Bilder zu erschließen sind, können sich diese Bilder ändern. Im Superman von heute ist der antike Herkules zu erkennen. Die Inhalte des kollektiven Unbewußten sind erkennbar in den Symbolbildern des Traumes, in Mythen und Märchen sowie in allgemeinmenschlichen kulturellen Symbolen. Die unbewußten Komplexe sind also nicht nur durch die während der individuellen lebensgeschichtlichen Entwicklung abgewehrten psychischen Inhalte bestimmt, sondern auch durch die „darunterliegende“ Schicht kollektiv unbewußter Phänomene. Kollektive Elemente des Schattens lassen sich zum Beispiel in der Auseinandersetzung zwischen Ideologien finden: der eigene Glaube ist der „wahre“, andere Richtungen müssen „verteufelt“ werden. Auch Phänomene wie der mächtige Einfluß von Helden, Führern und Idolen oder der Fremdenhaß lassen sich durch die Wirkung unbewußt kollektiver Prozesse erklären. Auf die Typologie der Analytischen Psychologie (Introversion und Extraversion als Einstellungstypen sowie Denken, Fühlen, Empfinden und Intuition als Funktionstypen) soll hier nicht näher eingegangen werden

Zur Ergänzung sei hier noch kurz erwähnt, daß nach der Individualpsychologie (im Sinne Alfred Adlers) dem Minderwertigkeitsgefühl des Kindes gegenüber seinen Eltern ein wichtiger Stellenwert in der seelischen Entwicklung beikommt, damit verknüpft ist aus Sicht der Individualpsychologie das ständige Streben des Menschen nach Macht und Überlegenheit.

Bekannter als das jungianische Persönlichkeitsmodell ist das psychoanalytische Modell nach Sigmund Freud: es wird als strukturelles Modell bezeichnet und besteht aus den drei Instanzen Es, Ich, und Über-Ich.
Der Bereich der primären Impulse, der triebhaften Grundbedürfnisse wird als Es bezeichnet. Neben den körpernahen Bedürfnissen wie Hunger, Durst, Ausscheidung sind hier vor allem die emotionalen Grundbedürfnisse nach Abhängigkeit und nach Autonomie, die sexuellen und aggressiven Bedürfnisse sowie die narzißtischen Bedürfnisse (nach stabiler und akzeptabler Identität) maßgeblich. Das Es wird regiert durch das Lustprinzip, es ist auf Lustgewinn und Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet, ohne die Barrieren zu beachten, die die Realität oder die Moral setzen. Die Inhalte des Es sind unbewußt und lassen sich beim Erwachsenen nur indirekt erschließen. Sie entstammen teilweise den körperlichen und angeborenen Quellen, teilweise sind sie über Verdrängung erworben. Anschaulich gemacht werden können die Inhalte des Es im Verhalten des Kleinkindes, sofern es seine elementaren Bedürfnisse noch relativ unzensiert ausleben darf. Beim Erwachsenen zeigen sie sich vorwiegend in seinen Träumen, Phantasien, Erinnerungen, Fehlleistungen („Freud´scher Versprecher“) oder in der spezifischen neurotischen Symptomatik.
Das Über-Ich umfaßt den normativen Bereich des Menschen, die - meist durch die Eltern vermittelten - Normen und Wertvorstellungen. Es enthält auch das Ich-Ideal, also die Werte und Ziele der individuellen Persönlichkeitsentwicklung, das innere Vorbild. Diese Normen und Ideale wirken teils bewußt, teils unbewußt (z. B. unbewußte Schuldgefühle).
Das Ich hat den Kompromiß zwischen den emotionalen Grundbedürfnissen (Es), den Einschränkungen durch die eigene Moral (Über-Ich) und den Erfordernissen und Realitäten der sozialen und materiellen Umwelt zu leisten. Es stellt den Brückenbauer zwischen den Gegensätzen dar, findet sich aber auch in der Schraubzwinge zwischen Es und Über-Ich wieder. Das Ich ist am Realitätsprinzip orientiert, das heißt es wählt solche Handlungen aus, die unter den gegebenen Bedingungen ein möglichst hohes Ausmaß an Lust und möglichst minimale Unlust (z. B. als schlechtes Gewissen) versprechen, um so die Impulse des Es befriedigen zu können. Weitere Funktionen des Ich sind die Kontrolle der körperlichen Funktionen (speziell der Motorik) und das Denken. Das Ich ist dabei überwiegend bewußt oder vorbewußt, in Bezug auf die Abwehr dagegen meist unbewußt. Die Impulse des Es werden durch das Ich an den Wertmaßstäben des Über-Ich bewertet und zensiert, wenn sie als zu fremdartig, bedrohlich oder ängstigend erscheinen, müssen sie vom Ich abgewehrt werden.

Diese Abwehr findet in jedem Menschen tagtäglich statt und ist per se nicht als krankhaft zu bezeichnen. Bei einer neurotischen Erkrankung wird man allerdings eine stark verfestigte, rigide und lebenseinschränkende Abwehr vorfinden. Verschieden Formen der Abwehr werden als unbewußte Abwehrmechanismen bezeichnet, einige sollen hier beschrieben werden: der wohl bekannteste Abwehrmechanismus ist der der Verdrängung: eine innere angstmachende Vorstellung, Trieb- oder Affektregung wird ins Unbewußte abgewehrt (z. B. werden Haßgefühle gegenüber den Eltern verdrängt, wenn das Über-Ich entsprechend rigide ausgeformt ist). Die Verleugnung dagegen betrifft die zeitweilige Abwehr äußerer angstauslösender Vorkommnisse (z. B.: ein schwer erkrankter und aufgeklärter Patient gibt vor einer Operation an, niemals aufgeklärt worden zu sein). Bei der Projektion werden eigene unerwünschte Impulse und Gefühle unbewußt anderen Personen zugeschrieben. Dieses ist besonders gut in Paarstreitigkeiten zu beobachten, wo dem jeweils anderen Partner die aggressiven Seiten zugeschrieben werden. Wenn inakzeptable Regungen entgegengesetzte Verhaltensweisen auslösen, spricht man von Reaktionsbildung. Ein Beispiel ist das betont freundlich-interessierte Verhalten gegenüber dem Prüfer im Physikum, den man eigentlich in Grund und Boden wünscht. Wird der konfliktmachende Impuls auf eine weniger bedrohliche Person gerichtet, wird dieser Vorgang Verschiebung genannt (z. B. wenn der vom Praktikumsleiter gerügte Medizinstudent später seine Freundin ohne Anlaß zurechtweist). Bei der Rationalisierung wird für die eigene Verhaltensweise eine rationale Rechtfertigung gegeben, die gefühlsmäßigen Beweggründe bleiben unbewußt (wenn beispielsweise der Psychologiestudent als Motiv seiner Studienwahl die zunehmende seelische Verrohung der Menschen angibt, sich aber durch das Studium eigentlich die Lösung der eigenen Neurose erhofft). Schließlich die Regression: vor dem unlustvollen Impuls wird auf eine Wiederbelebung früherer Entwicklungsstufen ausgewichen (z. B. zu beobachten bei deutlich gesundenden Krankenhauspatienten, die sich weiterhin füttern oder anziehen lassen wollen). Die Regression spielt bei der Entstehung einer neurotischen Symptomatik eine entscheidende Rolle, wie auch bei deren Veränderung im Rahmen einer Psychoanalyse (s. Kapitel über tiefenpsychologische Therapien).

Ein weiteres wichtiges Modell, hilfreich für das Verstehen tiefenpsychologischen Denkens, ist das psychoanalytische Phasenmodell der psychosexuellen Entwicklung. Angenommen wird hier, daß jeder Mensch in seiner kindlichen Entwicklung mit bestimmten, eng umschriebenen Entwicklungskonflikten konfrontiert wird, welche mit sensorischen, motorischen und physiologischen Reifungsschritten verknüpft sind. Kommt es zu schweren und langandauernden Störungen in den jeweiligen Entwicklungsphasen, die in späteren Lebensphasen nicht kompensiert oder korrigiert werden können, wird dieses nach psychoanalytischer Sicht als Ursache für die Entstehung einer neurotischen Erkrankung gesehen.
Unterschieden werden die orale Phase (etwa bis zum 1. Lebensjahr andauernd; auch unterteilt in eine frühe orale „sensorische“ Phase der ersten Lebensmonate und eine späte orale Phase), die anale Phase des 2. und 3. Lebensjahres, eine phallische oder ödipale Phase um das 4. bis 5. Lebensjahr, eine Latenzphase beim Schulkind und schließlich die Pubertät (genitale Phase). Die ersten drei Phasen sollen hier genauer beschrieben werden.

Die orale Phase ist geprägt vom Gefühl der existentiellen Abhängigkeit und Angewiesenheit des Kindes von der sozialen Umwelt, primär meist der Mutter. Über Fühlen, Hören, Sehen, Riechen, Schmecken stellt das Kind die ersten Kontakte nach außen her; es bildet das Grundgefühl einer annehmenden, willkommen heißenden Welt aus, der es sich mit Urvertrauen nähern kann. Das Kind will berührt, geschaukelt, angesprochen, angelacht werden; es benötigt Wärme und Geborgenheit. Das Grundgefühl von Sicherheit und Verläßlichkeit, von Angenommensein und Eigenständigheit bildet sich in den ersten Lebensmonaten heraus. Kommt es zu massiven Frustrationen in dieser Phase, die auch in späteren Lebensabschnitten nicht korrigiert werden, kann dieses zur Entstehung einer narzißtischen Neurose führen, einer Störung, in der der Mensch in seinem Selbstgefühl und seiner Beziehungsfähigkeit zu anderen Menschen stark gestört ist. In der oralen Phase wird die Welt vorwiegend über den Mund erfahren (Säugling), daneben über die Haut und das Ohr (Gleichgewichtsorgan). Alles Greifbare wird in den Mund gesteckt und mit der Zunge und den ersten Zähnchen erkundet. Gegen Ende des ersten Lebensjahres bekommt das Kind auch ein Gespür für Nähe und Distanz. Wichtige Bezugspersonen können innerlich zunehmend repräsentiert werden: die Mutter ist noch da, auch wenn ich sie jetzt gerade nicht sehe oder höre; im Bettchen kann sie durch das Schmusetier symbolisiert werden (man spricht hier von Übergangsobjekten). Kommt es zu massiven Störungen in dieser Phase, werden Distanz und Trennung als etwas existenziell Bedrohliches empfunden, aggressive Impulse müssen vermieden werden. Im späteren Lebensalter können Trennungserlebnisse dann eine depressive Neurose auslösen.

Die anale Phase ist geprägt von der Orientierung des Kindes in der Welt und der Entwicklung der eigenen Autonomie. Das Kind kann laufen und sich damit von den Eltern entfernen. Es grenzt sich ab durch das erste „Nein!“, will alles alleine machen, um die eigenen (motorischen) Möglichkeiten auszutesten und kann den Körper zunehmend beherrschen (insbesondere die Ausscheidungsfunktionen). Es geht um Besitzen, Gestalten und Zerstören, um eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Aggression und die weitere Ausformung der eigenständigen Identität (das erste „Ich“). In dieser Phase zeigt sich, ob die Eltern innerlich bereit sind, ihr Kind gehen (und wieder kommen) zu lassen, aber auch, welche Grenzen sie dem Kind ziehen können. Ein gängiger Konfliktpunkt ist dabei die Sauberkeitserziehung, bei der die Bedürfnisse von Kind und Eltern häufig entgegengesetzt sind. In dieser „Trotzphase“ werden die Grundbedingungen für Fügsamkeit vs. Durchsetzungsvermögen ausgebildet. Massive Störungen hierbei können später zu einer Zwangsneurose führen, in der autonome und aggressive Regungen durch Rigidität und überwertiges Streben nach Ordnung reguliert und beherrscht werden sollen.

In der phallisch-ödipalen Phase geht es (im Zusammenhang mit dem Aufkeimen sexueller Gefühle) um die erste Herausbildung einer eigenen sexuellen Identität und die Auseinandersetzung mit sozialen Rollen. Unterschiede (nicht nur anatomische) zwischen Mutter und Vater bzw. Mädchen und Jungen stehen zunehmend im Mittelpunkt des Interesses, Phantasien über Sexualität und Fortpflanzung gewinnen an Bedeutung. Aus psychoanalytischer Sicht geschieht die Lösung des ödipalen Konfliktes (der gegengeschlechtliche Elternteil wird begehrt und der gleichgeschlechtliche Elternteil wird als Rivale empfunden, die Liebe von beiden Elternteilen soll aber erhalten bleiben) durch die Identifizierung mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Erschwert wird diese Lösung, wenn der gleichgeschlechtliche Elternteil als schwach und wenig zum Vorbild geeignet wahrgenommen wird oder nicht mehr anwesend ist, aber auch, wenn es zu einer zu großen Nähe und Intimität zum gegengeschlechtlichen Elternteil in dieser Phase kommt. Massive Störungen in dieser Phase können nach dem psychoanalytischen Modell die Grundlage für die Herausbildung einer hysterischen Neurose bilden.

Eine Einführung in tiefenpsychologisches Denken bliebe unvollständig ohne die Klärung der Begriffe Übertragung bzw. Gegenübertragung: ungelöste Konflikte können zu Fixierungen in den genannten Entwicklungsphasen führen, die der Erwachsene auch in seine aktuellen wichtigen Beziehungen überträgt. Dieses kann z. B. bei einem depressiv gestörten Menschen dazu führen, daß er Trennungserlebnisse in seiner Partnerschaft unbewußt verzweifelt zu vermeiden sucht, in dem er sich an den Partner anklammert, worauf dieser sich naturgemäß irgendwann zurückziehen wird. Der Partner wird nicht als gleichwertiger erwachsener Mensch erlebt, sondern die früheren Erlebnisse mit den Eltern (bzw. einem Elternteil) werden ihm unbewußt übertragen. Dieses ist in einer Liebesbeziehung in der Regel der Fall und macht erst dann Probleme, wenn der Mensch „hinter“ der Übertragung nicht mehr realistisch wahrgenommen werden kann. Aber nicht nur Liebesbeziehungen eignen sich als Feld wechselseitiger Übertragungen, auch asymmetrische Beziehungen wie Student-Dozent, Arbeitnehmer-Vorgesetzter und Patient-Arzt legen aufgrund der einseitigen Abhängigkeit nahe, Aspekte der Kind-Eltern-Beziehung darauf zu übertragen. Mit Gegenübertragung (im engeren Sinne) ist gemeint, daß auch der Psychotherapeut - und der Arzt - eigene ungelöste unbewußte Konflikte in den Patienten projiziert, in dem er beispielsweise wegen seiner eigenen konflikthaft erlebten Sexualität bei jeder Patientin Probleme in diesem Bereich zu diagnostizieren meint - oder indem beide aus unbewußter Angst vermeiden, über dieses Thema zu sprechen. Zur Gegenübertragung im weiteren Sinne zählt, daß Gefühle und Stimmungen des Patienten, die dieser nicht bewußt erleben kann, vom Behandler bei sich selbst wahrgenommen werden. Im Kontakt mit einem zwanghaften Patienten kann dieses ein Gefühl von Beklemmung und Einengung bis hin zu Kopfschmerzen sein. Ist der Gegenüber schwer depressiv, kann beim Behandler - Psychotherapeut oder Arzt - anfängliches Mitleid von Resignation abgelöst werden und schließlich in ohnmächtiger Wut münden. Werden solche Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse bewußt gemacht, kann dieses fruchtlose Behandlungsabbrüche vermeiden helfen.

Der tiefenpsychologisch denkende Behandler sollte sich also sensibilisieren für die Wahrnehmung unbewußter Prozesse beim Patienten („Hören mit dem dritten Ohr“) und bei sich selbst (Introspektion). Dazu dienen psychotherapeutische Behandlungen, die von erfahrenen Psychoanalytikern kontrolliert werden (Supervision). Seinen unbewußten „blinden Flecken“ wird er in einer eigenen Therapie (Lehranalyse) auf die Spur zu kommen versuchen. Tiefenpsychologisches Denken kann demzufolge nur im Ansatz aus Lehrbüchern gelernt werden.


* Quelle: Dieser Text ist zuerst im „Heidelberger Lesebuch Medizinische Psychologie“ (1999, Hrsg.: Verres, R.; Schweitzer, J.; Jonasch, K.; Süßdorf, B.; Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, S. 94-104) erschienen. Ich danke dem Verlag Vandenhoeck & Ruprecht für die freundliche Nachdruckgenehmigung. Im „Heidelberger Lesebuch Medizinische Psychologie“ (ISBN: 3-525-45831-2) ist außerdem vom selben Autor erschienen: "Die Arbeit mit dem Unbewußten - Tiefenpsychologische Therapien" (S. 165-173) sowie "Wenn der Wunsch nach einem Kind nicht erfüllt wird" (S. 203-213). Letzteren Text können Sie in überarbeiteter Version hier online einsehen.

Querverweise:
  • "Der Individuationsprozeß" - Einführungstext in die Analytische Psychologie
  • "Die Dynamik der Seele" - Einführungsveranstaltung in die Analytische Psychologie in Heidelberg
  • Kommentierte Literaturliste zur Analytischen Psychologie
  • Querweise zur Analytischen Psychologie im Internet

  • zuletzt geändert: 9. Januar 2008 • © Dr. T. Wischmann • e-mail: tewes_wischmann@med.uni-heidelberg.de • zurück zur homepage T. WischmannHaftungssauschluß